Flörichshaier Graben

Eyecatcher:
Der Flörichshaier Graben in der Rösche der Wasserscheide zwischen Oder und Oker.
Im Spätsommer als Graben kaum noch wahrnehmbar.

>> Flörichshaier Graben ... entwässert das Flörichshaier Moor, einen alten Kahlschlag im Forstgebiet Untere Schwarze Tannen. Hierbei handelt es sich um eine sehr wasserreiche Geländemulde, deren zusetzende Sickerwässer durch einen einfachen, in das Profil eingeschnittenen Graben abgeleitet werden. In der Mitte des Grabens, rund 530m nach seinem Beginn, durchschneidet der Graben in einer rund 5m tiefen Rösche die Wasserscheide zwischen Oder und Oker, die hier als flacher Sattel verläuft, und bringt damit Wasser, das ursprünglich dem Oderteich des St. Andreasberger Bergrevieres zufloss, nach Clausthal.
Dies führte in den Anfangsjahren zu erbitterten Streitigkeiten...<<
(Welke, 2012, S. 113).

Am Beginn des Grabens steht ein Wildbeobachtungsturm, von diesem geht der Blick weit über das Hochmoor und den Bruchberg. Das Wasser der östliche Flanke des Bruchberges wird durch den Rothenbeeker Graben (Clausthaler Flutgraben) aufgefangen und zum Dammgraben in das Flussgebiet der Oker hin entwässert.

Auf der Karte der Wassereinzugsgebiete ist der Grund der Streitigkeiten der Clausthaler mit den St. Andreasberger Bergleuten gut erkennbar.
In der Mitte der Karte befindet sichdie zentrale Speicheranlage des Andreasberger Revieres: der Oderteich.
Die hellblauen Linien kennzeichnen die Wassereinzugsgebiete, in der Mitte das der Oder, angrenzend westlich das Einzugsgebiet der Sieber, nördlich das der Oker, der Radau und der Ecker. Rot eingezeichnet sind die Gräben. Der Rothenbeeker Graben (Clausthaler Flutgraben) zweigt das Wasser aus den Hochlagen des Bruchberges für den Clausthaler Bergbau ab und führt es hinüber in das Einzugsgsgebiet der Oker. Der erst spät (1827) gebaute Flörichhaier Graben, nördlich des Oderteichs, brachte nun ebenfalls Wasser aus dem Flussgebiet der Oder in das der Oker.
Lila eingezeichnet sind die Grenzen des "Oberharzer Wasserregals".
Quelle:
Übersichtsplan der Wassereinzugsgebiete in der letzten Betriebsphase der Oberharzer Wasserwirtschaft von 1963;
NLA HSTA BaCl.

Südöstlich des Märchenweges wird der Graben von einem Grabenbedienweg begleitet.
Dieser Weg führt, für previligierte Besucher (im Nationalpark herscht Wegegebot), gut sichbar, freigeschnitten und mit gelb/rotem Flatterband markiert zum Wildbeobachtungsturm am Beginn des Grabens.
Auf der luftseitigen Seite der Grabenbrust lagert noch der Aushub einer groben Räumung des Grabens im Mai 2007.
Peter Welke bemängelt in seiner Inventarisierung des Grabens im Jahr 2007 bereits den schlechten, nicht gewarteten Zustand des Trockenmauerwerks der heutigen Welterbeanlage. (Welke; 2012, S. 115)
Das Bild zeigt den Zustand im Oktober 2015.

Bild: Welke, Peter (2012): Forschungen zur Deutschen Landeskunde, Band 260. Leipzig, Anhang: Inventarisierung Flörichshaier Graben.

Ein Stück andersartiges Trockenmauerwerk bei Grabenmeter 345.
Ist dies die Stelle an der die St. Andreasberger Bergleute den Graben sabotierten?

>>Man kann sich den Zorn der St. Andreasberger Bergleute vorstellen, als die eigene Wasserversorgung des Oderteichs durch die neuen Anlagen (den Flörichshaier Graben; Anm. des Verfassers) des Clausthaler Bergwerks bedroht wurde! Der Oderteich ... bestand ja schon seit 1721. Im Jahr 1827, rund 100 Jahre danach, holten die mittlerweile fast völlig in Staatsbesitz überführten Gruben von Clausthal mit dem Recht und der Macht der Obrigkeit das Wasser für ihre Zwecke fort. Das hat die Andreasberger so erbost, daß noch vom selben Jahr eine Notiz in den Oberbergamtsakten dazu berichtet: 1827 wurde der Flörichshaier Graben von St. Andreasberger Grabensteigern zugeschüttet, so das die Wasser zum Oderteich fehlschlagen mussten. 1835 wurden von derselben Stelle aus freiem Ermessen Fehlschläge in den oben genannten Graben gezogen, um die sonst in den Dammgraben fließenden Wasser dem Oderteich zuzuschlagen. In beiden Fällen mußten die St. Andreasberger Grabensteiger vom Berg- und Forstamt Clausthal "ernstlich vermahnt" werden, den ursprünglichen Zustand wieder herzustellen und in Zukunft solche Störungen zu unterlassen (nach E. Weise).<< (Haase/Lampe, 1985, S. 24)

Die Stelle bei Grabenmeter 345 böte sich für den Fehlschlag von 1835 an. Unterhalb fließt eine Freiflut dem Oderteich zu. Nach der "ernstlichen Vermahnung" musste die Grabenbrust ja wieder zugesetzt werden. Dies geschah mit einem anderem Trockenmauerwerk als zum Grabenbau 1827. Auch von der Breite deutet die Stelle auf einen zugesetzten Fehlschlag hin.
Verfüllt man den Graben im Bereich der Wasserscheide oder auch erst im Wasserinzugsgebiet der Oker, würde sich die Fließrichtung im Graben umkehren und das gesamte Wasser könnte hier zum Oderteich fehlgeschlagen werden.

Der Graben im Bereich des Märchenweges. Kaum erkennbar ist das ursprüngliche Trockenmauerwerk.

Der Graben kurz vor der Wasserscheide zwischen Oder und Oker, noch im Bereich der Oder.
Aus dem festen Grund kommend, geht der Graben in den Bereich des Hochmoores über und ist immer weniger als Graben wahrnehmbar. Der Grabenbedienweg verliert sich zwischen Preiselbeeren, Heidelbeergestrüpp und Totholz.

Der Flörichshaier Graben (rot) überquert die Wasserscheide zwischen Oder und Oker (blaue Linie).
Der Graben hat in seinem gesamten Verlauf keinen Fehlschlag.

Quelle: Übersichtsplan der Wassereinzugsgebiete in der letzten Betriebsphase der Oberharzer Wasserwirtschaft von 1963;
NLA HSTA BaCl.

Der Graben überquert die Wasserscheide im Bereich des Hochmoores in einer bis zu 5m tiefen Rösche.
Rechts erkennbar sind die mächtigen Torflager dieses lebenden Moores im einer der Kernzonen des Nationalparks Harz.
Heute wäre der Graben in dieser Form nicht mehr genehmigungsfähig. Er steht stellvetretend für die vielen Probleme die die Einrichtung eines Nationalparks in einer über Jahrhunderte gewachsenen Kulturlandschaft mit sich bringen.

>>Kurz vor der staatlichen Wiedervereinigung hatte die letzte DDR-Regierung in einem Husarenritt den Nationalpark Hochharz ausgerufen und damit die Niedersächsische Landesregierung unter moralischen/politischen Zugzwang gesetzt. Sehr früh schon haben wir im Harzklub auf die Gefahr des Etikettenschwindels hingewiesen. Aber der Zeitgeist war stärker und setzte sich über die fachlichen Bedenken schnell hinweg. In der heftig geführten Diskussion entstanden tiefe Risse zwischen Befürwortern und Gegnern.
Der Nationalpark wurde - vor allem in Niedersachsen - das umweltpolitische Aushängeschild, bzw. Statussymbol. Bei der wichtigen Frage, ob mit der Erklärung zum Nationalpark ein vorhandener naturnaher, vom Menschen nicht oder nur wenig beeinflusster Zustand geschützt oder die Entwicklung zu einem späteren Idealzustand eingeleitet werden soll, entschieden sich die Politiker für letzteres. Damit schufen sie den Präzidenzfall für eine besondere deutsche Variante der Nationalparke, nämlich den Entwicklungsnationalpark.<< (Kortzfleisch, 2015, S.197)

Die Pegelmessstelle am Ende des Grabens im Bereich der "Steilen-Wand-Straße".
Das Wasser ergießt sich nun in die Freiflut des Kellwassers und wird erst im Blochschleifegraben wieder gefasst.

Das Kellwasser im Bereich der Brücke des "Harzer Hexen Stieges".
Ähnlich wie die Nabe im Nabental verliert das Kellwasser hier, im beginnenden Bereich der Steilen Wand, bis zum Blochschleifegraben etliche Höhenmeter in einer "Wilden Fluth".

Quellen:

Haase, Hugo; Lampe Wolfgang (1985): Kunstbauten alter Wasserwirtschaft im Oberharz, 5.Auflage: Clausthal-Zellerfeld.

Kortzfleisch, v; Albrecht; (2015): Hölltaler Jagtgeschichten; Clausthal-Zellerfeld.

Welke, Peter (2012): Forschungen zur Deutschen Landeskunde, Band 260. Leipzig.

Übersichtsplan der Wassereinzugsgebiete in der letzten Betriebsphase der Oberharzer Wasserwirtschaft von 1963;
NLA HSTA BaCl.

Heidelbeeren und Preiselbeeren in den Torfmoosen des Flörichshaier Moores.

Links :

Was haben die Moore mit dem Klima zu tun?

Warum Torf?

Stiftung Lebensraum Moor.

Download:

Josten, Hans (2010): Die Bedeutung der Moore für den Klimawandel. [4.596 KB] Universität Greifswald.
Quelle: URL http://www.dgmtev.de/ Stand: 25.11.2010.