Wasserführung in den Gräben

Das Recht am Wasser bzw. dessen Nutzung besaß im Harz über viele Jahrhunderte der Grundeigentümer, die Herzöge von Braunschweig, die Könige von Hannover und nachfolgend das Land Preußen.

Mit Gründung der Bundesrepublik Deutschland und Inkrafttreten ihres Wasserhaushaltsgesetzes wurde 1960 das Niedersächsische Wassergesetz (NWG) erlassen. Dieses regelte die Rechte und die Nutzung des Wassers neu.
In der Folge musste der damalige Betreiber der Anlagen der Oberharzer Wasserwirtschaft, die Preussag, alle bestehenden, in Betrieb befindlichen Anlagen neu beantragen, so als wären diese Neu.

Die Preussag stellte am 23.11.1964 die erforderlichen Bewilligungsanträge nach §36 Abs. 2 NWG.

Dieses Werk, aus 125 Ordnern in zwölffacher Ausfertigung, beschreibt die betriebenen Anlagen der Oberharzer Wasserwirtschaft in dem Zustand von 1964 vollständig.

Es war die letzte Bestandsaufnahme des betriebenen Systems Oberharzer Wasserwirtschaft in der Nachnutzungsphase.

Quelle: Wegener, Frank (2014): unveröffentlicht.

Aus diesen Bewilligungsanträgen lassen sich heute viele Details der 1964 betriebenen Anlagen herauslesen.
So sind für die jeweiligen Grabensysteme auch immer die maximal mögliche Wasserführung, soweit die natürlichen Zuflüsse ausreichen und der jeweilige Ausbau es zulassen, mit angegeben.

Nachfolgend ein Ausschnitt aus dem Schema des Wilhelmschacht-Gefälles.

Quelle: Ausschnitt aus. K92-97 1 Schema Wilhelmschacht Gefälle (1964): NLA HSTA BaCl Nds. 540 Acc. 2 Nr. 776


Quellen:
K92-97 1 Schema Wilhelmschacht-Gefälle (1964): NLA HSTA BaCl Nds. 540 Acc. 2 Nr. 776
und
Gesamtkonzept über die Bewirtschaftung der Anlagen der Oberharzer Wasserwirtschaft im Raum Clausthal-Zellerfeld (1977), Bezirksregierung Braunschweig.

Die Gräben dienten ja im Jahr 1964 als Sammel u. Transportgräben für das Wasser, dass in den Turbinen der jeweiligen Gefällestufen verstromt wurde.
Alle benötigten wasserbaulichen Anlagen waren zu diesem Zeitpunkt intakt. Die Fehlschläge waren mit den nötigen Spindelschützen ausgestattet die eine Regelung der Wasserführung in den Gräben zuließ.

Die Zeichnung des Fehlschlages 104, Harleweger Graben, Zustand 1964. Quelle: Niedersächsisches Bergarchiv Hann. 184 Preussisches Oberbergamt Acc 7. Nr. 2325.

Der von der Preussag 1964 beantrage Betriebszustand des Fehlschlages 104 am Harleweger Graben.

Quelle: Niedersächsisches Bergarchiv Hann. 184 Preussisches Oberbergamt Acc 7. Nr. 2325.

Der Zustand des Fehlschlages 104 im Jahr 2014.

Der Fehlschlag hat sein Aussehen komplett gewandelt. Nicht nur das er deutlich breiter geworden ist, auch sein Abfluss hat sich verändert. Wo heute hinter dem Joch ein Holzverzug zu sehen ist war 1964 noch ein Eisenrohr.
Als wichtigste Veränderung ist jedoch das fehlende Spindelschütz anzusehen.
Es wurde durch fest verschraubte Bretter ersetzt, der Wasserstand im Graben ist nunmehr fest eingestellt.
Die maximale Wasserführung im Graben kann dadurch nicht mehr erreicht werden, da Wassermengen die über die festen Schützenbretter hinausgehen automatisch fehlgeschlagen werden.
Dies hat weitreichende Folgen für das Trockenmauerwerk und die Dichtung des Grabens aus Rasensoden.

Diese Dichtung aus Rasensoden muss von Zeit zu Zeit komplett mit Wasser benetzt sein.
Die Rasensoden werden gerne von Mäusen besucht, die sich in dem Material ihre Gänge und Nester bauen.
Während der maximalen Wasserführung des Grabens werden die Gänge der Mäuse überflutet, die Mäuse ertrinken und es kommt zu keiner weiteren Schädigung der Grabendichtung.

Wird über längere Zeit keine maximale Wasserführung im Graben erreicht, wird der Graben undicht. Das Wasser fließt im Extremfall durch oder unter der Grabenbrust hindurch, die Grabenbrust wird fortgespült.

Diese Probleme werden schon von Georg Andreas Steltzner 1794 beschrieben.

Durch die fehlende Wasserführung in den Gräben kommt es außerdem zu den Trockenmauerwerksschäden die heute an vielen "betriebenen" Gräben zu beobachten sind.


Der Huttaler Graben auf dem Damm des unteren Huttaler Teiches. Gut zu sehen ist der Spalt der durch das zurückfrieren des Trockenmauerwerks entstanden ist.
Der gesamte Vorgang wie es zu diesen Trockenmauerwerksschäden kommt, finden sie hier.

Die Wasserführung der betriebenen der Gräben der Preussag im Vergleich zur Wasserführung der heutigen betriebenen Gräben.


Im Jahr 1988 wurde der Dorotheer Kunst u. Kehrradsgraben neu aufgefahren um den Hirschler Teich abzulassen.
An dem Teich stand eine Reparatur am Grundablass (Striegel) an. Da das Wasser nicht durch die Pfauenteichkaskade geleitet werden sollte, renovierte man zu diesem Zweck den Dorotheer Kunst u. Kehrradsgraben, die Dorotheer Rösche und Teile des Elisabether Grabens.

Händische Aufwältigung des Dorotheer Kunst u. Kehrradsgrabens im Jahr 1988.
Quelle: Peiffer, Karsten (1988) Der Hirschler Teich. Aus: Geschichte der Wasserwirtschaft (2015): Oberharzer Geschichts u. Museumsverein Clausthal.

Maschinelle Aufwältigung des Elisabether Grabens 1988.

Quelle. Peiffer, Karsten (1988): Der Hirschler Teich. Aus: Geschichte der Wasserwirtschaft (2015): Geschichts u. Museumsverein, Clausthal-Zellerfeld. S. 118.


Die Wasserführung dieser Gräben gibt Peiffer wie folgt an:

>>
Nachdem die Ablaufgräben wieder aufgewältigt waren..., konnte am 15. August der Striegel gezogen werden. Zunächst wurde der Striegel mit 15 Umdrehungen fast mühelos geöffnet. Der Abfluss betrug etwa 100l/sek.
Zunächst wurde der Ablauf beobachtet. Wie zu erwarten war, flossen die Wasser ohne Schwierigkeiten bis zur Ausflut der Unteren Pfauenteiches. Am 17. August wurde der Striegel um weitere 10 Umdrehungen geöffnet.
Der Ablauf betrug daraufhin mehr als 200l/sek. Diese Menge konnte an mehreren Stellen im Dorotheer Kunst u. Kehrradsgraben kaum verkraftet werden. Der Graben war bis zur Oberkante gefüllt.
Auch der kleinste Stau hätte ein Überlaufen zur Folge gehabt. Darauf wurde der Striegel um 5 Umdrehungen gesenkt. Daraufhin flossen die Wasser problemlos ab.<< Peiffer 2015; S. 120)

Die Preussag gibt 1964 die Leistungsfähigkeit dieses Gesamtsystems mit 230l/sek an.

Der betriebene Clausthaler Flutgraben wird von der Preussag 1964 mit 250l/sek angegeben und hätte in Spitzenzeiten ein einen ähnlichen Abfluss wie den von Peiffer für den Dorotheer Kunst u. Kehrradsgraben angibt.
Dieser Graben ist ein "betriebener" Graben des Kulturdenkmals Oberharzer Wasserwirtschaft und sogar Bestandteil des Welterbes.

Die heutige Wasserführung in den Gräben regelt das:
"Gesamtkonzept über die Bewirtschaftung der Anlagen der Oberharzer Wasserwirtschaft im Raum Clausthal-Zellerfeld", Erstellt durch die Bezirksregierung Braunschweig im Jahr 1977.

Hier wird die Wasserführung der Gräben wie folgt angegeben:

>>Künftige Nutzung:
Nach der Rückgabe der gesamten Anlagen an das Land (Niedersachsen, Anm. des Verfassers) werden aus wasserwirtschaftlicher (Trinkwasserversorgung und Hochwasserschutz) und denkmalpflegerischer Sicht noch folgende Gräben betrieben werden, soweit die natürlichen Zuflüsse ausreichen (siehe Anlage 3 und Tabelle 2):<<

Liste der betriebenen Gräben u. Wasserläufe im Welterbe
Quelle:
Gesamtkonzept über die Bewirtschaftung der Anlagen der Oberharzer Wasserwirtschaft im Raum Clausthal-Zellerfeld (1977), Bezirksregierung Braunschweig.



In dieser Liste der betriebenen Gräben findet sich beispielsweise auch der Clausthaler Flutgraben (Rothenbeeker Graben) wieder.

Auch an diesem Graben sind die verstellbaren Spindelschütze verschwunden. Die Wasserführung wird durch fest eingestellte Schützenbretter geregelt.

Dadurch ist auch an diesem Graben keine maximale Wasserführung wie die Preussag sie noch 1964 beschrieben hat und seitens des "Gesamtkonzept über die Bewirtschaftung der Anlagen der Oberharzer Wasserwirtschaft" gefordert wird mehr möglich.

Im Fall des Clausthaler Flutgrabens (Rothenbeeker Graben) reicht der Ausbau des Grabens für einen Betrieb bis zu 250l/sek aus.
Peter Welke gibt für den Graben einen natürlichen Zufluss in Höchstwasserzeiten von 1500l/sek an.
Im rechnerischen Mittel, bezogen auf die Niederschlagsmenge, ergibt sich ein natürlicher Abfluss von 95l/sek.
(Welke, 2012: S. 120)

Da der Graben einer der Zubringer für das Oker/Grane Trinkwassersystem ist und die von den Harzwasserwerken (HWW) bis 1985 geplante Siebertalsperre nicht realisiert wurde, ist es eigentlich unverständlich, dass die HWW von der maximalen Transportleistung des Grabens keinen Gebrauch machen.

Clausthaler Flutgraben (Rothenbeeker Graben) Fehlschlag Nr. 4, Fassung eines Sieberquellarms am Beginn des Grabens. Zustand 2012.
Gut zu erkennen die fest verschraubten Schützenbretter.

Clausthaler Flutgraben (Rothenbeeker Graben), Fehlschlag Nr. 5, Fassung der Sieber. Zustand 2012.
Hier ebenfalls statt der Spindelschütze die fest verschraubten Schützenbretter.

Clausthaler Flutgraben (Rothenbeeker Graben) Fehlschlag Nr. 6. Zustand 2012.
Hier ebenfalls die fest verschraubten Schützenbretter statt eines Spindelschützes.

Diese Liste ließe sich auf alle betriebenen Gräben übertragen.

Diese Art der Regelung ist sicherlich sehr wartungsfreundlich. Der Pflegeintervall ist nach Unterschutzstellung zum Denkmal 1979 vom täglichen Pflegerhythmus zum 4 wöchigen Rhythmus ausgeweitet worden.

Doch welchen Schaden nimmt die Dichtung der Grabenbrust und das Trockenmauerwerk durch die mangelde Wasserführung des Grabens?

Wie soll dem Substanzverlust der Welterbeanlagen zukünftig Einhalt geboten werden?






Zu einer Fundmeldung zu diesem Artikel schreibt die Untere Denkmalschutzbehörde:

>>Zu den Fehlschlägen git es Zeichnungen der Preussag von 1964, die heute als gute Dokumentation der damaligen Bauwerke angesehen werden können. Allerdings hat die Preussag selbst nach 1964 bis in die 1970er Jahre noch Maßnahmen an Teichen und Gräben durchgeführt, die durchaus den Bestand verändert haben. In den Jahren 1971 bis 1981 hat die Landesforstverwaltung nach und nach Anlagen des Oberharzer Wasserregals in ihre Betreuung übernommen. Auch in dieser Phase sind bestimmte Bauwerke umgebaut oder in anderer Form wiederhergestellt worden. Dies wird allerdings nur einen Teil der Fehlschläge betroffen haben, denn die meisten Fehlschläge entsprechen immer noch dem Stil und den Abmessungen von 1964.
Laut Erinnerung der Harzwasserwerke-Vertreter ist in der Zeit ihrer Zuständigkeit (ab 1991) kein Spindelschütz entfernt worden. Die Fehlschläge wurden in der Regel so wieder hergestellt, wie sie vorgefunden worden sind. Bei der Planung wurde teilweise auf die Preussagzeichnungen zurückgegriffen. ...
...Wo lose Einsatzbretter vorhanden sind, haben die HWW ab 1991 Sicherungsbügel zum Schutz vor unbefugter Betätigung angebracht. ...
Von dem Fehlschlag am am Clausthaler Flutgraben existiert ein Foto von 1987, auf dem ebenfalls bereits festverschraubte Bretter und ein fehlendes Spindelschütz zu erkennen sind.
Am Harteweger Graben musste der Fehlschlag wegen der Wasserführung auch in seinen Abmessungen verändert werden.<< (Untere Denkmalschutzbehörde Lk Goslar, 2016)

Den Elisabether Graben und den Dorotheer Kunst u. Kehrradsgraben können Sie besuchen auf der Tour 11: Kurztrip am Welterbe "Pfauenteichkaskade".

Die Huttaler Graben lernen Sie auf der Tour 12: Rundwanderung um die Welterbestätte "Hutthaler Widerwaage" kennen.

Den Clausthaler Futgraben (Rothenbeeker Gr.) erwandern Sie auf der Wanderung zu den Silberfichten am Rothenbeeker Graben.

Den Fehlschlag am Harlewegener Graben können Sie auf der Abenteuerwanderung in das Pistal besuchen.

Quellen:

K92-97 1 Schema Wilhelmschacht Gefälle (1964): NLA HSTA BaCl Nds. 540 Acc. 2 Nr. 776

Gesamtkonzept über die Bewirtschaftung der Anlagen der Oberharzer Wasserwirtschaft im Raum Clausthal-Zellerfeld (1977), Bezirksregierung Braunschweig.

Niedersächsisches Bergarchiv Hann. 184 Preussisches Oberbergamt Acc 7. Nr. 2325.

Hans-Hugo Nietzel (2003): Georg Andreas Stetzner, Von Wasserleitungen und Teichbau und dem Huttaler Widerwaagesystem. Clausthal-Zellerfeld.

Peiffer, Karsten (1988) Der Hirschler Teich. Aus: Geschichte der Wasserwirtschaft (2015): Oberharzer Geschichts u. Museumsverein Clausthal.

Landkreis Goslar (2016) Kulturdenkmal Oberharzer Wasserwirtschaft- Stellungnahme u Fundmeldungen.

Niedersächsisches Ministerium für Wissenschaft u. Kultur, Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege (2007): Antrag zur Eintragung der Oberharzer Wasserwirtschaft in die UNESCO-Welterbeliste, Erweiterung der UNESCO-Welterbestätte Erzbergwerk Rammelsberg und Altstadt von Goslar. Hannover/Braunschweig. Anhang E.

Welke, Peter (2012): Forschungen zur Deutschen Landeskunde, Leipzig.